Wenn du bei der Berliner Verwaltung direkt an lange Schlangen, verschwundene Unterlagen und stoische Amtsstuben denkst, bist du nicht allein. Genau hier setzt(e) die Kampagne „Eine Stadt – Eine starke Verwaltung“ an. Sie ist nicht bloß ein weiterer Protestbrief, sondern ein breites Bündnis aus über 30 Berliner Institutionen, das sich zum Ziel gesetzt hat, das Berliner Verwaltungssystem grundsätzlich zu verbessern.
Der Hintergrund: Warum Berlin eine neue Verwaltungskultur braucht
Die Grundidee: Schluss mit dem Zuständigkeits-Wirrwarr und hin zu einer modernen, effizienten und digitalen Stadtverwaltung. Und ja: Berlin (und nicht nur die Hauptstadt) hat diesen Wandel bitter nötig. Denn laut Umfragen, Medienberichten und Erfahrungsberichten von Unternehmern gleicht der Behördengang oft eher einem Abenteuerurlaub ohne Karte.
Die Initiative forderte nicht weniger als eine echte Verwaltungsreform. Konkrete Maßnahmen wie digitalisierte Verfahren, rechtliche Klarheit, personelle Aufstockung und die Vereinheitlichung von IT-Systemen wurden als Sofortmaßnahmen vorgeschlagen. Dabei ging es nicht nur um Tech-Lösungen, sondern um ein klares Bekenntnis: Bürgernahe Verwaltung kann nur gelingen, wenn Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft an einem Strang ziehen.
Wer steckt(e) hinter der Kampagne?
Die Unterstützer reichten von der IHK Berlin über die Handwerkskammer bis zur Zahnärztekammer. Sogar der Beamtenbund war mit dabei – ausgerechnet jene, die sonst oft Zielscheibe der Kritik sind. Ein zentraler Bestandteil der Kampagne war die Einbindung der Stadtgesellschaft. Über das Tool „Notstandsmelder“ konnten Bürgerinnen und Bürger ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit der Verwaltung teilen – von schmerzhaften Wartezeiten bis zu absurd wirkenden Regelungen.
Der absurde Alltag: Verwaltung zwischen Kafka und Comedy
Die Sache mit dem Brotgewicht
Manchmal fühlt sich der Besuch beim Amt an wie ein Kapitel aus einem Kafka-Roman. Nur dass man es selbst durchlebt. Besonders einprägsam ist der Fall eines Berliner Bäckers, der vom Landesamt für Mess- und Eichwesen ermahnt wurde, weil er auf seiner Preistafel die Angabe „2 KG Brot“ verwendete.
Die Großbuchstaben „KG“ könnten – so die Begründung – mit physikalischen Maßeinheiten wie Kelvin oder Gauß verwechselt werden oder auch für „Kommanditgesellschaft“ stehen. Denn offenbar verhindert nur die kleingeschriebene Angabe „kg“, dass Kundinnen und Kunden das Gewicht eines Brotes nicht versehentlich mit einer thermodynamischen Temperatur oder magnetischen Flussdichte verwechseln.
Eine Strafe bis zu 25.000 Euro wurde angedroht, sollte die Beschriftung nicht korrigiert werden. Dass dabei niemand ernsthaft eine Brotlaibverwechslung mit einer Kommanditgesellschaft zu befürchten hatte, interessierte offenbar niemanden.
Zulassungschaos bei Neuwagen
Noch drastischer sind die Auswirkungen in der Berliner Automobilbranche. Autohändler berichteten, dass sie in manchen Bezirken bis zu sechs Wochen auf einen Termin zur Kfz-Zulassung warten mussten. In dieser Zeit konnten verkaufte Neuwagen nicht ausgeliefert werden – mit erheblichen wirtschaftlichen Folgen.
Frustrierte Kundinnen und Kunden, blockierte Lagerplätze und Verdienstausfälle waren die direkte Folge eines Systems, das seinem eigenen Anspruch nicht mehr gerecht wird.
IT-Wirrwarr in der Verwaltung
Auch das Digitalisierungschaos in den Berliner Bezirksverwaltungen verdient besondere Erwähnung. Statt auf zentrale IT-Strukturen zu setzen, schafften einzelne Bezirke ihre Technik unabhängig voneinander an. Mit dem Ergebnis, dass zahlreiche Systeme nicht miteinander kompatibel sind. Die zuständige Staatssekretärin sprach später selbst von einem „Technik-Zoo“. Gemeint war damit ein wilder Mix aus Softwarelösungen, die keine gemeinsame Sprache sprechen – weder untereinander noch mit den Bürgerinnen und Bürgern.
Diese Geschichten stehen exemplarisch für eine Verwaltungsrealität, in der gute Absichten oft im Formulardschungel oder Technik-Labyrinth stecken bleiben. Und doch machen sie auch deutlich, wo angesetzt werden muss, wenn sich etwas ändern soll: bei den Strukturen, der Kommunikation und dem Mut, neue Wege zu gehen.
Lösungen, die funktionieren könnten
Die Stärke der Kampagne liegt in ihrem konstruktiven Ansatz. Es geht nicht nur um Kritik, sondern um konkrete Lösungen, darunter:
- Einführung einheitlicher digitaler Verwaltungsstandards
- Klar definierte Zuständigkeiten zwischen Senat und Bezirken
- Aufstockung des Personals mit Fokus auf Ausbildung und Nachwuchsförderung
- Verpflichtende Weiterbildungen in digitaler Kompetenz für Verwaltungskräfte
- Beteiligung der Bevölkerung über digitale Plattformen wie den „Notstandsmelder“
- Zentrale IT-Strategie mit einheitlicher Beschaffung und technischer Kompatibilität
Diese pragmatische Mischung aus Druck und Dialog ist ein Vorbild für andere Städte. Auch wenn sich nicht alles sofort umsetzen ließ, bleibt das Bündnis ein starkes Signal an die Politik: Die Berlinerinnen und Berliner haben genug gewartet.
Politischer Nachhall der Kampagne
Interessant ist dabei, dass sich viele der zentralen Forderungen der Kampagne inzwischen in politische Prozesse übertragen haben. Zwar ist die ursprüngliche Öffentlichkeitskampagne, wie sie 2019 startete, nicht als Dauerprojekt weitergeführt worden, ihre Wirkung zeigt sich jedoch deutlich in den aktuellen Entwicklungen rund um die Berliner Verwaltungsreform. So wurde der sogenannte „Zukunftspakt Verwaltung“ in die Wege geleitet, der zentrale Punkte wie klare Zuständigkeiten, mehr Personal und moderne IT-Strukturen aufgreift.
Verwaltungsreform als strukturelle Aufgabe
Auch parteipolitisch hat das Thema an Fahrt aufgenommen: Mehrere Fraktionen des Abgeordnetenhauses haben die Notwendigkeit tiefgreifender Verwaltungsmodernisierungen erkannt. Die SPD formulierte 2025 eigene Rote Eckpunkte zur Verwaltungsreform. Der Berliner Senat wiederum hat bereits im Dezember 2020 ein Gesetz zur Verwaltungsreform beschlossen, das unter anderem vorsieht, die Zahl der Bezirksstadträte zu erhöhen und Fachzuständigkeiten einheitlich zu verteilen.
Doch in der Praxis bleibt vieles vage. Wie der Tagesspiegel bereits 2021 berichtete, fiel die Bilanz zum sogenannten „Zukunftspakt Verwaltung“ ausgesprochen mager aus. Fünf Seiten Abschlussbericht, viele unklare Punkte und kaum konkrete Fortschritte. Kritik kam etwa vom Grünen-Politiker Stefan Ziller, der von einer „Beerdigung zweiten Grades“ sprach und monierte, dass Probleme nicht gelöst, sondern lediglich Papiere produziert wurden. 2025 gab es immer ein Update. Auch zentrale Fragen wie die Neugestaltung des Ordnungsamtes blieben unbeantwortet.
Bis heute ist unklar, was genau aus dem Reformvorhaben wird. Obwohl Zielvorgaben und strukturelle Neuordnungen angekündigt wurden, bleibt die Umsetzung zäh. Zwischen Senat, Bezirken und Fraktionen gibt es weiterhin Differenzen. Die angekündigten „Steckbriefe“ für einzelne Reformthemen sollen zwar fertiggestellt werden, doch viele zweifeln daran, dass dies ausreicht. Vieles deutet darauf hin, dass verbindliche Fortschritte erst in der nächsten Legislaturperiode angegangen werden können – wenn überhaupt.
Damit zeigt sich: Zwar ist das Thema in der politischen Debatte präsent, doch der Elan der ursprünglichen Kampagne ist nicht in gleichem Maße in verbindliche Reformen übergegangen.
Fazit: Wirkung mit Langzeit-Effekt
Was bleibt, ist der Eindruck, dass bürgerschaftliches Engagement, sachliche Kritik und ein klar formulierter Forderungskatalog durchaus etwas bewirken können – auch wenn der Weg zur Umsetzung lang bleibt.
Was bleibt hängen?
- Die Kampagne Eine starke Verwaltung vereinte über 30 Institutionen für eine bessere Verwaltungskultur.
- Probleme wie Personalmangel, Technik-Chaos und Zuständigkeitsgerangel wurden konkret benannt.
- Der Alltag in den Ämtern ist oft von Absurditäten geprägt – mit echten Folgen für Bürger und Unternehmen.
- Die Kampagne lieferte konkrete Reformvorschläge und aktivierte zivilgesellschaftliches Engagement.

